Tjerk Ridder: Tief „be-Ruhr-t“

(c) Sebastiaan ter Burg

(c) Sebastiaan ter Burg

Tjerk Ridder ist ein niederländischer Theatermacher, Liedermacher und Schriftsteller. Tjerk trampte 2010 mit seinem Dackel Dachs und einem befreundeten Journalisten, Peter Bijl, mit einem Wohnwagen – aber ohne Auto – unter dem Motto „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ von Utrecht nach Istanbul – auf der Suche nach Gastfreundschaft, Offenheit und Vertrauen. Dabei war Zollverein in Essen sein erstes Etappenziel. Der Aufenthalt auf Zollverein hat ihn sehr beeindruckt. Er erfuhr von unserem Projekt MEIN ZOLLVEREIN und schildert hier seine Erfahrung mit dem heutigen Zollverein aus der Sicht eines niederländischen Nachbarn.

Tief „be-Ruhr-t“
Mike, der Hafenmeister aus Oberhausen, zieht uns mit unserem Wohnwagen dahin zurück, wo der Kreis sich für uns schließt: Essen Zollverein, der Fleck, wo unser deutsches Tramp-Abenteuer mit dem niederländischen Wohnwagen am 8. Januar 2010 begonnen hat: Ich habe die Eröffnungsfeier der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 „Metropole Ruhr“ mitgemacht. Ein besonderer kultureller Abend mit vielen Künstlerauftritten, einem prächtigen Feuerwerk, und wahrscheinlich war ich der Einzige, der in der Kälte, im Schnee auf dem Zollverein-Gelände (illegal) campierte.
Nun, beinahe zwei Wochen später, am 21. Januar 2010, nach meiner Reise quer durch das Ruhrgebiet, vielen interessanten Begegnungen mit Fahrern und verschiedenen Einblicken in ihre Träume, bin ich wieder zurück bei Toms Kiosk in Stoppenberg, wo ich bei meinen ersten Schritten im Ruhrgebiet so herzlich empfangen wurde. Was für ein besonderes Wiedersehen mit Tom und seiner Frau!

Das Ruhrgebiet, das so gastfreundlich zu sein scheint. Wie kann es auch anders sein, in einer Kultur der Großindustrie im vergangenen halben Jahrhundert, wo man Ausländer in großer Zahl willkommen geheißen hat. Stahl und Kohle. Fleißige Arbeit, roh, direkt, ungeschminkt. Mit Bier, Wurst und Fußball. Nach den vielen schwarzen Jahren stolz darauf, dass die Landschaft wieder schön und gesund ist und stolz auf die Menschen hier, die das Ruhrgebiet ausmachen.

Weil ich während dieser Reise auch auf der Suche nach dem Ziel bin, dem Kern der europäischen Kulturhauptstädte, war ein Besuch bei dem Ruhr-Phänomen, dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum, ein absolutes Muss. Was mich am meisten faszinierte, waren die menschlichen – oder besser gesagt – unmenschlichen historischen Geschichten. Die vielen Generationen, die durch die Steinkohle geprägt wurden. Das Bild, das ich mir über das Leben in den Minen mache, beeindruckt mich sehr stark, bis in mein Innerstes. Tagein, tagaus, ein Leben lang, tief unter der Erde im schwarzen Gestein hacken. Verschwitzt auf dem schwarzen blanken Boden in schmalen Streben liegen, in muffigen und dunklen Räumen. Und für einen Hungerlohn: hart arbeiten, immer mit der Gefahr eines Einsturzes, Brandes oder einer Explosion. Augen, die kein Tageslicht sehen.

(c) Peter Bijl

(c) Peter Bijl

Diese intensiven Geschichten berührten mich sehr, inspirierten mich zum Schreiben eines Liedes und sind für mich eine große Motivation, um aus meinem Leben zu holen, was zu holen ist. Chancen zu sehen und diese Chancen auch zu ergreifen. Die eigenen Fähigkeiten zu kennen, diese Fähigkeiten zu nutzen und diese auch zu teilen. Für mich selbst, für andere und für diejenigen, die mir vorausgingen. Leben mit Licht.

Nach zwölf Tagen im Ruhrpott nehme ich Abschied und trampe mit dem “Anhängerkupplung gesucht!“-Anhänger in Richtung der Grenze des Kontinents Europa, der anderen europäischen Kulturhauptstadt Istanbul, und bin tief berührt.

Ich reise weiter mit meinem Lied “Neues Licht”:
„Komm zu mir, komm zu mir … Neues Licht, neues Licht…”

 

 

Vorstellungen  “Anhängerkupplung gesucht!” am 21./22. November 2014 auf Zollverein
Am 21. und 22. November 2014 brachte Tjerk Ridder seine große Reiseerzählung auf die Bühne des Salzlagers. Hier finden Sie einen Rückblick auf die Veranstaltung.

Tjerk Ridder präsentierte sein Bühnenprogramm im Salzlager auf Zollverein, 21.11.2014 / Foto: Sven Lorenz / Stiftung Zollverein

Tjerk Ridder präsentierte sein Bühnenprogramm im Salzlager auf Zollverein, 21.11.2014 / Foto: Sven Lorenz / Stiftung Zollverein

 

Buch “Anhängerkupplung gesucht!”
Über die Erfahrung seiner Reise unter dem Motto „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ schrieb Ridder ein Theaterstück und ein Buch, das auch auf Deutsch im Patmos Verlag erschienen ist. Weitere Informationen unter:
www.anhaengerkupplunggesucht.de

Buchcover "Anhängerkupplung gesucht!"

Buchcover “Anhängerkupplung gesucht!”

Interview mit RUHR.2010-TV
Während des Eröffnungswochenendes der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, das Tjerk Ridder mit seinem Wohnmobil-Anhänger auf Zollverein verbrachte, machte RUHR.2010-TV ein Interview mit ihm, sein erstes Interview in Deutschland:
Von Kulturhauptstadt zu Kulturhauptstadt

“Anhängerkupplung gesucht!” bei der ExtraSchicht 2014
Am 28. Juni 2014 kehrte Tjerk Ridder zurück nach Essen und begeisterte mit der Deutschlandpremiere seines Bühnenprogramms “Anhängerkupplung gesucht!” 1.100 Zuschauer auf Zollverein – im Rahmen der ExtraSchicht, der langen Nacht der Industriekultur.

Claus Stille hat die Deutschlandpremiere des Bühnenprogramms hier besprochen: http://clausstille.com/2014/06/30/deutschlandpremiere-von-anhangerkupplung-gesucht-tjerk-ridder-traf-in-die-herzen-der-extraschicht-besucher/

Gestaltung: Anne Caplan

Gestaltung: Anne Caplan

 

 

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